Bundeskanzler Friedrich Merz besuchte heute das IHP – Leibniz-Institut für innovative Mikroelektronik in Frankfurt (Oder). Der Besuch unterstrich die strategische Bedeutung der Halbleiterforschung für die technologische Souveränität, Innovationsfähigkeit und wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands. Im Mittelpunkt des Besuchs, der auf Einladung der Leibniz-Gemeinschaft stattfand, stand der Beitrag der Leibniz-Gemeinschaft und insbesondere des IHP zur Hightech Agenda Deutschland, in der die Bundesregierung die Mikroelektronik zu den sechs Schlüsseltechnologien zählt.
Begleitet wurde der Bundeskanzler von Dr. Marcus Pleyer, Staatssekretär im Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt, und Tobias Dünow, Staatssekretär im Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg. Prof. Dr. Dr. h. c. Christoph M. Schmidt, Präsident der Leibniz-Gemeinschaft, und Prof. Dr.-Ing. Gerhard Kahmen, Wissenschaftlich-Technischer Geschäftsführer des IHP, führten ihn durch das Institut. Er besichtigte den Reinraum und das Hochfrequenz-Messlabor des Instituts und informierte sich anhand von Forschungsdemonstratoren über Kommunikations- und Sensortechnologien für die nächste Mobilfunkgeneration 6G sowie über photonische Biosensoren für die Schnelldiagnostik.
Mikroelektronik: eine strategische Kompetenz für Deutschland und Europa
„Mikroelektronik ist eine Schlüsseltechnologie für die Souveränität Deutschlands und Europas“, sagt Prof. Gerhard Kahmen. „Am IHP stellen wir unsere Forschungsergebnisse Partnern aus Wissenschaft und Industrie nicht nur als Labormuster, sondern auch in Form qualifizierter Prototypen und in Kleinserien zur Verfügung.“
Als Forschungsinstitut mit Schwerpunkt auf siliziumbasierter Mikroelektronik trägt das IHP zu diesen Zielen bei, indem es Grundlagenforschung, Technologieentwicklung, Halbleiterfertigung und Systemvalidierung miteinander verbindet. Nach dem Lab-to-Industry Prinzip ermöglicht die integrierte Forschungsinfrastruktur des IHP, Technologien entlang der gesamten Wertschöpfungskette zu entwickeln und zu erproben.
Eine zentrale Rolle spielt dabei die Halbleiter-Pilotlinie des IHP in Frankfurt (Oder). Das Institut betreibt die europaweit einzige durchgängige Fertigungslinie an einer Forschungseinrichtung, die Silizium-Germanium-BiCMOS-Technologien (SiGe-BiCMOS) und elektronisch-photonische integrierte Schaltungen (EPICs) unter industrienahen Bedingungen herstellen kann.
Von 6G-Netzen bis zum Lab-on-a-Chip
Eines der während des Besuchs vorgestellten Projekte war ein intelligentes drahtloses Kommunikationssystem für die nächste Mobilfunkgeneration. Forschende des IHP haben dafür einen Demonstrator konzipiert, der in Echtzeit bei 60 GHz arbeitet und schnelle Datenübertragung mit der Erfassung seiner Umgebung verbindet. Mit demselben Signal und derselben Hardware kann das System gleichzeitig Informationen übertragen und Objekte oder Personen in seiner Umgebung erkennen.
Diese Technologie, bekannt als Integrated Communications and Sensing (ICAS), gilt als eine Schlüsselfunktion künftiger 6G-Netze. Mögliche Anwendungen reichen von der Überwachung industrieller Umgebungen und der Erkennung von Drohnen im Umfeld kritischer Infrastrukturen bis hin zu berührungslosen Sensortechnologien für das Gesundheitswesen. Das IHP hat den Demonstrator im 6G-Forschungsverbund Open6GHub konzipiert, gefördert vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR).
Ein zweites Beispiel zeigte, wie aus der Halbleiterforschung neue Produkte und Unternehmen entstehen können. Die HyPhoX GmbH, eine gemeinsame Ausgründung aus dem Joint Lab von IHP und Technischer Hochschule (TH) Wildau sowie der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM), entwickelt miniaturisierte photonische Biosensoren, die innerhalb weniger Minuten quantitative Messwerte liefern. Gegründet wurde sie mit Mitteln aus dem Gründungsprogramm EXIST des Bundes. Die Technologie vereint Mikroelektronik, Photonik und Biochemie auf einem nur 2 mm² großen Sensorchip.
Die auf der Pilotlinie des IHP mit Standardprozessen gefertigten Chips könnten künftig den Einsatz tragbarer Testsysteme für die medizinische Diagnostik, die Wasserqualitätsprüfung, die Lebensmittelsicherheit und die Umweltüberwachung ermöglichen. Das Unternehmen zeigt, wie aus öffentlich geförderter Forschung Wertschöpfung entsteht.
Infrastruktur für technologische Souveränität
Der Bundeskanzler besichtigte außerdem den Reinraum mit der Pilotlinie und das Hochfrequenz-Messlabor des IHP.
Mit dem Aufbau technologischer Kompetenzen und der Stärkung strategischer Lieferketten trägt das IHP zur Resilienz der deutschen und europäischen Industrie bei. Sein Reinraum bietet die Möglichkeit, SiGe-BiCMOS-Technologien unter industrienahen Bedingungen zu entwickeln, herzustellen und zu validieren. Die Einrichtung unterstützt die wissenschaftliche Forschung, offene Siliziumtechnologien sowie Industriekunden, die Chips auf Basis eigener Designs fertigen lassen möchten. Der Reinraum ist rund um die Uhr in Betrieb und umfasst 1.500 m² der Klasse 3 nach DIN EN ISO 14644-1 für die Bearbeitung von 200-mm-Siliziumwafern in 0,13-µm-Technologie. Hinzu kommen 300 m² für die Wafer-Verbindungstechnik und die Heterointegration von Chiplets.
Im Hochfrequenzlabor testet und charakterisiert das IHP die im eigenen Reinraum gefertigten Schaltungen für drahtlose Kommunikation, Sensorik und Radartechnik. Breitbandmessungen von 0 bis 250 GHz sind dort mit einer einzigen Messsonde möglich, in dieser Form derzeit einzigartig in Deutschland. Die Kompetenz des IHP belegt auch der Weltrekord für die Oszillationsfrequenz siliziumbasierter Transistoren von 720 GHz.
Der Besuch des Bundeskanzlers unterstrich die Rolle der Leibniz-Gemeinschaft und ihrer Forschungseinrichtungen bei der Umsetzung der Hightech Agenda Deutschlands. Durch die Verbindung von wissenschaftlicher Expertise, spezialisierter Infrastruktur, Technologieentwicklung und Wissenstransfer tragen das IHP und die Institute der Leibniz-Gemeinschaft dazu bei, die technologischen Kompetenzen Deutschlands und Europas zu stärken.